Ängstliche Studentin bei einer Prüfung
Anxious Teenage Student Sitting Examination In School Hall

Psychische Belastung hat System!

Bild von Hannah Czernohorsky
Hannah Czernohorsky
26. Januar 2026

Etwa die Hälfte der Studierenden stuft die eigene psychische Gesundheit als weniger gut oder sogar schlecht ein. Über 80% geben an, sich durch das eigene Studium gestresst zu fühlen. Dies geht aus dem Mental Health Barometer von Instahelp und Studo hervor. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich bei psychischen Belastungen nicht nur um ein individuelles, sondern ein strukturelles und politisches Problem handelt.

Die Gründe für psychische Belastungen von Studierenden sind vielfältig: hoher Arbeitsaufwand, Prüfungsstress oder Zukunftsängste. Auch die Inflation, wirtschaftliche Krisen, Kriege und Klimakatastrophen wirken sich auf junge Menschen aus. Hinzu kommt der in der neoliberalen Gesellschaft zunehmende Druck, sich selbst zu optimieren und stets das Beste aus sich herauszuholen. Das gilt für Studium, Beruf, aber auch die Gestaltung von Freizeit. Raum für Scheitern, Faulheit und Unvollkommenheiten bleibt da wenig. Dabei kann die individualisierte Verantwortung, auf die eigene psychische Gesundheit zu achten, selbst zum Stressfaktor werden. Wichtig ist also, psychische Gesundheit nicht nur als Aufgabe jedes Einzelnen, sondern auch aus einer Public-Health-Perspektive zu betrachten. Dabei muss das zentrale Ziel sein, strukturelle Belastungsfaktoren abzubauen.

Psychische Belastung und Armut

Armut ist ein zentraler Belastungsfaktor für die Psyche. Die Angst, Rechnungen nicht bezahlen zu können und die Verunsicherung, ob sich das nächste Monat finanziell ausgehen wird, können krank machen. Es ist aber nicht nur die dauerhafte Belastung durch Stress, sondern auch die Ausgrenzungserfahrungen, die mit Armut einhergehen. Wer sich einen Kinobesuch, einen Abend in der Bar oder ein Mittagessen in der Mensa nicht leisten kann, wird auch sozial ausgegrenzt und kann vereinsamen.
Studierende verfügen oftmals nur über sehr geringe monatliche Budgets und haben deshalb häufig finanzielle Schwierigkeiten. Viele Studierende sind deshalb von psychischen Belastungen durch finanzielle Prekarität betroffen. Hinzu kommt, dass eine psychologische Behandlung aufgrund knapper Kassenplätze oftmals gar nicht leistbar ist. Um die psychische Gesundheit von Studierenden zu stärken, müssten diese also dringend finanziell abgesichert werden – und das unabhängig von dem Geldbörsel der Eltern.

First Generation Studierende und Mental Health

Auch für Studierende, die als Erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen, kann der Studienalltag psychisch belastend sein. Fehlt in der Familie das Vorwissen über das tertiäre Bildungssystem, unterschiedliche Lehrveranstaltungstypen oder die Beantragung von Beihilfen und gibt es keine Unterstützungsangebote, können sich Studierende schnell allein und isoliert fühlen. Viele, die als Erste in der Familie studieren, stehen unter besonderem Leistungsdruck oder leiden unter dem sogenannten „Impostor-Syndrom“, also dem ständigen Gefühl, eigentlich nicht kompetent oder erfolgreich genug zu sein. Aber auch klassistische Strukturen, also Ausgrenzung und Diskriminierung aufgrund der Klassenzugehörigkeit, können für „First Generation“-Studierende eine starke Belastung darstellen. Hochschulen, die die mentale Gesundheit von Studierenden fördern wollen, müssen also Orte der Zugehörigkeit werden – auch und insbesondere für Studierende aus Arbeiter:innenfamilien.

Für ein gesundes Studium für alle

Um die psychische Gesundheit von Studierenden zu fördern, sind dringend psychologische Unterstützungsangebote erforderlich, beispielsweise durch einen Ausbau der Kassenplätze für Psychotherapie oder durch die psychologische Studierendenberatung. Darüber hinaus ist es wichtig, Studierenden Werkzeuge zu vermitteln, mit denen sie Prüfungsstress und Leistungsdruck gut bewältigen können. Doch es braucht eben auch strukturelle Veränderungen. Es reicht nicht aus, nur die Symptome psychischer Belastung individuell zu bekämpfen. Es braucht Lösungen, die an der Wurzel des Problems ansetzen. Das bedeutet, Studierende finanziell abzusichern, an Hochschulen eine angenehme, solidarische Lernatmosphäre statt Konkurrenzkampf und ECTS-Drill herzustellen und Diskriminierung im Studium entschieden entgegenzuwirken.

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Hannah Czernohorsky

2 Gedanken zu „Psychische Belastung hat System!“

    • Liebe Frau Ecker, der Begriff Arbeiter:innenfamilien wurde hier zur Abgrenzung zu Akademiker:innenfamilien verwendet, aber Sie haben natürlich Recht, dass auch Kinder von Angestellten, Bäuer:innen und Selbstständigen als First Academics von psychischen Belastungen im Studium betroffen sein können. Danke für Ihren Einwurf! Liebe Grüße, Astrid Leonhartsberger-Ledl

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